CAMPARI CARIBIC ODER: SELTSAME RITUALE
Drei Uhr früh. Außer uns beiden Frauen ist die Bar leer - bis auf den Betrunkenen, der am Ecktisch hinten links mit dem Kopf auf der Tischplatte liegt und seinen Rausch ausschläft.
So lange es so ruhig bleibt wie jetzt - und an Wochentagen ist es das meistens - werde ich den alten Säufer nicht wecken. Er schnarcht nicht, er kotzt nicht, er stört Niemanden und ausserdem vermisst ihn keiner. Er wird er ohnehin von selbst wach, wenn ich die Bar schliesse.
An Wochentagen wie diesem vollziehen der Betrunkene und ich stets das gleiche Ritual - fast als wären wir ein perfektes Team mit festgelegten, gut eingespielten Rollen: Ich beende morgens um 4:00 Uhr meine Schicht und nehme den Schlüsselbund vom Haken, um die äußere Tür zu schließen. Er erwacht beim ersten Klappern des Schlüssels und bezahlt seine Zeche. Ich rufe ihm ein Taxi und bis seine Kutsche kommt, hat er ein fürstliches Trinkgeld in mein Theken-Sparschwein geworfen. Dann verlässt er - unter Hilfestellung eines genervten Taxifahrers - unentwegt brabbelnd und völlig unverständliche Entschuldigungen murmelnd - schwankend das Lokal.
Von dem, was den Bauch des Schweinchens bisher auf diese Weise gefüllt hat, kann ich bald in Urlaub fahren. Es gibt also keinen guten Grund, ein sinnvolles Procedere zu ändern.
Wo war ich stehengeblieben? Ach ja, bei uns Frauen. Die Jägerin der Nacht sitzt an meiner Theke und trinkt Campari Caribik - eines dieser typischen, süssen Frauengetränke. Ich weiss nicht genau, beim wievielten sie inzwischen angekommen ist, aber angetrunken lassen sich Selbstgespräche anscheinend leichter führen.
Warum ich sie Jägerin der Nacht nenne? Ganz einfach: Weil sie Abend für Abend auf Männerjagd geht und meistens Beute macht. Ausser heute. Heute ist sie leer ausgegangen und betrinkt sich statt dessen.
Sie hat bereits ordentlich Schlagseite und nörgelt: "Lulu, ichweissdassu mich immer beobachtest! Finnestdu mein Leben so inneressant oder gucksu auf mich runter? Klar gucksu auf mich runter! Aber Du kennsmichnich, verstehsse? Klar nehmich jeden Abend einen Anneren mit, aber ich kann nichallein sein, weissu? Und ausserdem..."
Sie verstummt, zündet sich umständlich eine Zigarette an und stiert in ihr Glas. Dabei hätte mich das "ausserdem" brennend interessiert. Denn die Jägerin der Nacht zählt für mich zu den schillerndsten Figuren des nächtlichen Großstadtlebens.
Was mein Interesse an ihr betrifft, irrt sie sich nicht: Ich beobachte sie seit langem. Weil mich ihre Beutezüge ebenso schaudern lassen wie faszinieren. Ich weiss nicht, wann und warum sie begonnen hat, meine Bar als Jagdrevier zu betrachten - ich werde sie wohl kaum danach fragen. Eines Nachts ist sie plötzlich aufgetaucht und seitdem kommt sie jeden Abend her. Ich vermute, daß sie den hohen Anteil von gut betuchter Laufkundschaft in meinem Lokal als einleuchtende Wahl für ein Revier betrachtet: Reiche Beute, leicht zu erlegen, keine späteren Komplikationen!
Wie dem auch sei...eigentlich wirkt die Jägerin der Nacht - so lange sie es nicht darauf angelegt, gesehen zu werden - trotz ihrer körperlichen Vorzüge (sie ist schmal gebaut, hat schöne Brüste, lange Beine und glatte, schwarze Haare) eher mittelmäßig und unauffällig. Aber sie hat einen Trick, so eine ganz spezielle Art, ihr "inneres Licht" anzuknipsen. So wie ein Zauberer Kaninchen aus seinem Hut zaubern kann. Ausserdem besitzt sie die Verwandlungsfähigkeit eines Chamäleons. Es ist unglaublich und verstörend, mitanzusehen, wie viele Frauen in einer Person sie verkörpern kann.
Wenn sie meine Bar betritt, ist sie Fräulein Jedermann. Doch davon lasse ich mich schon lange nicht mehr täuschen. Ich sehe, wie sie bereits im Eingang das Territorium auf mögliche Beute hin sondiert und sich unauffällig näher schleicht, um Witterung aufzunehmen. Sie lässt sich viel Zeit bei der Auswahl eines möglichen Opfers. Doch sobald sie das Band aus ihrem schwarzen Haar löst, mit dem sie es zum Pferdeschwanz bindet und dieses wissende Lächeln auf ihrem Gesicht erscheint, weiss ich: Die Pirsch hat begonnen!
Urplötzlich knistert es in der Bar vor unterdrückter Spannung und jeder Mann in der Nähe der Jägerin scheint wie elektrisiert, als warte er nur darauf, mit ihr seine geheimsten und exzessivsten Wünsche in den kommenden Stunden auszuleben.
Nur heute nicht. Denn inzwischen ist die Jägerin der Nacht so betrunken, dass sie sich kaum noch auf dem Hocker halten kann. Ich helfe ihr herunter und bestelle ein Taxi, während sie sich an den Tresen klammert. Dann nehme ich den Schlüsselbund vom Haken und in der hinteren Ecke erwacht der Betrunkene wie aufs Stichwort aus seinem alkoholumwölkten Dämmerzustand.
Eine Nacht von vielen geht zu Ende und ich schließe für heute nicht nur die Außentür sondern auch dieses herrlich verrückte, seltsame und auch manchmal etwas traurige Bartagebuch.
Und nun - wie versprochen - das Rezept des heutigen Cocktails.
Wohl bekomm`s!
Campari Caribik
Sehr fruchtiger und sahniger Campari Drink
Campari-Caribik
Zutaten
4cl Campari
8cl Maracujasaft
2cl Zitronensaft
2cl Sahne
4cl Cream of Coconut
Anleitung
Geben Sie alle Zutaten zusammen mit Eis in einen Shaker und schütteln alles kräftig durch. Gießen Sie den Cocktail in ein Longdrinkglas mit Eis.
So lange es so ruhig bleibt wie jetzt - und an Wochentagen ist es das meistens - werde ich den alten Säufer nicht wecken. Er schnarcht nicht, er kotzt nicht, er stört Niemanden und ausserdem vermisst ihn keiner. Er wird er ohnehin von selbst wach, wenn ich die Bar schliesse.
An Wochentagen wie diesem vollziehen der Betrunkene und ich stets das gleiche Ritual - fast als wären wir ein perfektes Team mit festgelegten, gut eingespielten Rollen: Ich beende morgens um 4:00 Uhr meine Schicht und nehme den Schlüsselbund vom Haken, um die äußere Tür zu schließen. Er erwacht beim ersten Klappern des Schlüssels und bezahlt seine Zeche. Ich rufe ihm ein Taxi und bis seine Kutsche kommt, hat er ein fürstliches Trinkgeld in mein Theken-Sparschwein geworfen. Dann verlässt er - unter Hilfestellung eines genervten Taxifahrers - unentwegt brabbelnd und völlig unverständliche Entschuldigungen murmelnd - schwankend das Lokal.
Von dem, was den Bauch des Schweinchens bisher auf diese Weise gefüllt hat, kann ich bald in Urlaub fahren. Es gibt also keinen guten Grund, ein sinnvolles Procedere zu ändern.
Wo war ich stehengeblieben? Ach ja, bei uns Frauen. Die Jägerin der Nacht sitzt an meiner Theke und trinkt Campari Caribik - eines dieser typischen, süssen Frauengetränke. Ich weiss nicht genau, beim wievielten sie inzwischen angekommen ist, aber angetrunken lassen sich Selbstgespräche anscheinend leichter führen.
Warum ich sie Jägerin der Nacht nenne? Ganz einfach: Weil sie Abend für Abend auf Männerjagd geht und meistens Beute macht. Ausser heute. Heute ist sie leer ausgegangen und betrinkt sich statt dessen.
Sie hat bereits ordentlich Schlagseite und nörgelt: "Lulu, ichweissdassu mich immer beobachtest! Finnestdu mein Leben so inneressant oder gucksu auf mich runter? Klar gucksu auf mich runter! Aber Du kennsmichnich, verstehsse? Klar nehmich jeden Abend einen Anneren mit, aber ich kann nichallein sein, weissu? Und ausserdem..."
Sie verstummt, zündet sich umständlich eine Zigarette an und stiert in ihr Glas. Dabei hätte mich das "ausserdem" brennend interessiert. Denn die Jägerin der Nacht zählt für mich zu den schillerndsten Figuren des nächtlichen Großstadtlebens.
Was mein Interesse an ihr betrifft, irrt sie sich nicht: Ich beobachte sie seit langem. Weil mich ihre Beutezüge ebenso schaudern lassen wie faszinieren. Ich weiss nicht, wann und warum sie begonnen hat, meine Bar als Jagdrevier zu betrachten - ich werde sie wohl kaum danach fragen. Eines Nachts ist sie plötzlich aufgetaucht und seitdem kommt sie jeden Abend her. Ich vermute, daß sie den hohen Anteil von gut betuchter Laufkundschaft in meinem Lokal als einleuchtende Wahl für ein Revier betrachtet: Reiche Beute, leicht zu erlegen, keine späteren Komplikationen!
Wie dem auch sei...eigentlich wirkt die Jägerin der Nacht - so lange sie es nicht darauf angelegt, gesehen zu werden - trotz ihrer körperlichen Vorzüge (sie ist schmal gebaut, hat schöne Brüste, lange Beine und glatte, schwarze Haare) eher mittelmäßig und unauffällig. Aber sie hat einen Trick, so eine ganz spezielle Art, ihr "inneres Licht" anzuknipsen. So wie ein Zauberer Kaninchen aus seinem Hut zaubern kann. Ausserdem besitzt sie die Verwandlungsfähigkeit eines Chamäleons. Es ist unglaublich und verstörend, mitanzusehen, wie viele Frauen in einer Person sie verkörpern kann.
Wenn sie meine Bar betritt, ist sie Fräulein Jedermann. Doch davon lasse ich mich schon lange nicht mehr täuschen. Ich sehe, wie sie bereits im Eingang das Territorium auf mögliche Beute hin sondiert und sich unauffällig näher schleicht, um Witterung aufzunehmen. Sie lässt sich viel Zeit bei der Auswahl eines möglichen Opfers. Doch sobald sie das Band aus ihrem schwarzen Haar löst, mit dem sie es zum Pferdeschwanz bindet und dieses wissende Lächeln auf ihrem Gesicht erscheint, weiss ich: Die Pirsch hat begonnen!
Urplötzlich knistert es in der Bar vor unterdrückter Spannung und jeder Mann in der Nähe der Jägerin scheint wie elektrisiert, als warte er nur darauf, mit ihr seine geheimsten und exzessivsten Wünsche in den kommenden Stunden auszuleben.
Nur heute nicht. Denn inzwischen ist die Jägerin der Nacht so betrunken, dass sie sich kaum noch auf dem Hocker halten kann. Ich helfe ihr herunter und bestelle ein Taxi, während sie sich an den Tresen klammert. Dann nehme ich den Schlüsselbund vom Haken und in der hinteren Ecke erwacht der Betrunkene wie aufs Stichwort aus seinem alkoholumwölkten Dämmerzustand.
Eine Nacht von vielen geht zu Ende und ich schließe für heute nicht nur die Außentür sondern auch dieses herrlich verrückte, seltsame und auch manchmal etwas traurige Bartagebuch.
Und nun - wie versprochen - das Rezept des heutigen Cocktails.
Wohl bekomm`s!
Campari Caribik
Sehr fruchtiger und sahniger Campari Drink
Campari-Caribik
Zutaten
4cl Campari
8cl Maracujasaft
2cl Zitronensaft
2cl Sahne
4cl Cream of Coconut
Anleitung
Geben Sie alle Zutaten zusammen mit Eis in einen Shaker und schütteln alles kräftig durch. Gießen Sie den Cocktail in ein Longdrinkglas mit Eis.
blogbart - 24. Dez, 01:43