BEAMTENTRÄUME

GIN FIZZ ODER: HERRN MÜLLERS TÄGLICHE, HALBE STUNDE

Vor etwa drei Stunden kam Herr Müller von der Arbeit "auf einen Sprung" (wie er immer sagt) zu mir herein. Herr Müller ist Beamter und im Sozialamt des großen, alten Rathauses tätig.
Aus dem, was er mir so erzählt, schließe ich, daß er sich den lieben, langen Tag mit harten Schicksalen und abgestumpften Kollegen herumschlägt, was ihn von Zeit zu Zeit in brütende Schwermut verfallen lässt.
Normaler Weise ist für Herrn Müller seine tägliche, halbe Stunde in meiner Bar, in der er dann seinen üblichen Gin Fizz trinkt, "eine schöne Abwechslung" - wie er immer sagt. Und wahrscheinlich ist diese "schöne Abwechslung" auch schon die einzige, ausgefallene Gewohnheit, die Herr Müller sich in seinem Leben gestattet - das jedenfalls sage ich.

Ich finde Herrn Müllers verschrobene, umständliche Art eigentlich ganz sympathisch. Wahrscheinlich schon deshalb, weil er bei mir Seiten offenbart, die Anderen verborgen bleiben.
Heute hat Herr Müller seine tägliche, halbe Stunde bereits gewaltig überzogen und klebt auf dem Barhocker wie die Fliege auf dem Leim.
Heute trinkt er bereits den dritten Gin Fizz und macht mir auf eine altmodische und schrullige Weise den Hof, die mich schmunzeln lässt und auch rührt. Darüber hinaus ist Herr Müller heute - im Gegensatz zu seiner sonst verschlossenen und stillen Art - ungewöhnlich redselig und aufgekratzt.
Allerdings scheint es ihm bei seinen Erzählungen schwer zu fallen, einem roten Faden zu folgen. Wie Flöhe springen seine Gedanken mal auf den einen, mal auf einen anderen Hund.
Aber vielleicht bin ich auch nur unfähig, den roten Faden in Herrn Müllers Gedanken aufzuspüren. Wer weiß das schon so genau?
"Lulu", sagt Herr Müller, "ich hoffe doch, ich darf Sie Lulu nenen?" und ich nicke.
"Lulu", sagt Herr Müller und schüttelt betrübt den Kopf, "ich bin ein Dinosaurier, ein Fossil. Ich passe nicht in diese Zeit!"
Er starrt sinnend in ein Glas, während ich überlege, ob Herr Müller heute deshalb so viel trinkt, weil er ein einsamer Dinosaurier ist.

Nach einer Weile des stummen Trübsinns sieht Herr Müller mir (immer noch schweigend) in die Augen. So, als würde er mich im Stillen einem Test auf Vertrauenswürdigkeit unterziehen. Ich würde gern wisse, ob Prüfungen wie diese zu Herrn Müllers täglichen Gepflogenheiten auf der Arbeit zählen, bevor er scheinbar oder anscheinend Bedürftigen Gelder bewilligt.
Offenbar bestehe ich Herrn Müllers geheimen Test.
"Wissen Sie eigentlich, wieviel Geld ich inzwischen auf der hohen Kante liegen habe?", fragt er mich. Ich verneine und frage mich besorgt und klammheimlich, in welches Fahrwasser uns diese Frage wohl geraten lässt.
Herr Müller beugt sich zu mir herüber und sein alkoholisierter Atem kitzelt mein Ohr, in das er die Summe verschwörerisch flüstert. Als ich ihn staunend ansehe, nickt er noch einmal bestätigend und legt seine Aktentasche auf den Tresentisch.

Herr Müller fingert am Schloss der schwarzen Ledermappe herum, das sich widersetzt, weil Herrn Müllers Feinmotorik nach drei Gin Fizz bereits erheblich eingeschränkt ist. Aber schließlich gelingt es ihm unter einigen Mühen, seine Aktentasche doch noch zu öffnen. Er kramt auf seine seine umständliche Art zunächst eine Weile darin herum, bis er das, was er sucht, endlich findet.
Herr Müller legt zwei Hochglanzmagazine eines mir unbekannten Reisebüros auf den Tisch. Begeisterung blitzt in seinen Augen und plötzlich wirkt der sonst so besonnene und stille Herr Müller wie ein kleiner Junge, der sich aufs Zeltlager freut.

Australien - Neuseeland - Südsee steht dort über Hochglanzbildern von schneeweißen, menschenleeren Stränden mit Kokospalmen, auf die ich einen sehnsuchtvollen Blick werfe.
"Wenn ich einmal genug habe von mobbenden Kollegen und dem täglichen Leid..." Herr Müller tippt mit dem Zeigefinger auf die Titelseite und schaut mich wieder lange an, als wolle er den Wahrheitsgehalt seiner Aussage im Spiegel meiner Augen überprüfen.
Ich sehe lächelnd in Herrn Müllers Augen und lege meine Hand fest auf seine. "Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen, dass Sie Ihre Träume verwirklichen und hoffe, Sie tun es schon bald, Herr Müller! Und an jeder Station Ihrer Reise trinken Sie bitte einen Gin Fizz auf mich, werden Sie das tun?!"
Herrn Müllers Augen lächeln zurück, als habe er nichts anderes von mir erwartet. Er nickt, packt umständlich seine Reisejournale zurück in die Aktentasche, tätschelt meine Hand ein paar Mal und zahlt.

Trinken wir auf einen Beamten, dem es zwar schwer fällt, über den eigenen Schatten zu springen, der aber immer noch träumen kann.
Und damit Sie, liebe Leser, das auch mit einem Gin Fizz tun können, gibt es - wie immer an dieser Stelle - nun das Rezept.




Gin Fizz

Longdrink aus Gin, Zitronensaft und Soda

gin-fizz

Zutaten
6cl Dry Gin
4cl Zitronensaft
2 Esslöffel Puderzucker
Soda

Anleitung
Geben Sie alle Zutaten bis auf das Soda zusammen mit Eis in einen Shaker und schütteln alles kräftig durch. Gießen Sie den Drink anschließend in ein Longdrinkglas mit Eis und füllen Sie mit Soda auf.

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