MERKWÜRDIGE BEGEGNUNG

GOLDEN CADILLAC ODER: SELBSTGESPRÄCHE

Es ist einer dieser schwülen Sommerabende, an denen man die Elektrizität in der Atmosphäre förmlich auf der Haut spüren kann.
Ich habe die Außentür der Bar weit geöffnet; sämtliche verfügbaren Ventilatoren surren leise im Hintergrund.
Dennoch bleibt die Luft stickig und meine Gäste sind deutlich gereizter als sonst. Wie jeder hier sehne ich das längst überfällige, reinigende Gewitter herbei, das hoffentlich auch die Stimmung in meinem Lokal entspannen wird.

ER ist gross, kräftig gebaut und trägt teure Markenkleidung.
Auf den ersten Blick könnte man ihn für einen Geschäftsmann halten. Allerdings nur dann, wenn man sich mit dem ersten, oberflächlichen Eindruck zufrieden gibt. Es gehört zu meinem täglichen Geschäft, hinter die Kulissen zu schauen, und so entgehen mir selten die wirklichen Nuancen: Zum Geschäftsmann fehlt ihm nicht nur das gewisse, energiegeladene Etwas, das solche Männern immer besitzen, sondern auch deren entgegenkommende, freundliche Verbindlichkeit.

Einmal abgesehen von der betont gelangweilten und arroganten Miene, die er zur Schau trägt, wirkt sein Gesicht völlig ausdruckslos. Seine Gesichtszüge sind auf eine beunruhigende Weise eingefroren, geradezu leblos und stehen in merkwürdigem Kontrast zu der gesunden Bräune seines Teints, die auf einen erst jüngst zurückliegenden Urlaub schließen lässt.
Seine unstet umher huschenden Augen meiden meinen direkten Blick. Die fühlbare Spannung, die von ihm ausgeht, lässt mich an einen zu straff gespannten Draht denken, von dem man befürchten muss, dass er jederzeit reißen kann. Ständig befeuchtet er mit der Zunge seine breiten, sinnlich aufgeworfenen Lippen - eine unbewußte und geistesabwesende Geste, die mich mehr abstößt als alles andere an ihm.

Bevor Sie mich vielleicht für meine heutige, allzu große Sensiblität und meinen (aus Ihrer Sicht) engen Blickwinkel tadeln, den Sie (im günstigsten Falle) vielleicht auf das schwüle Wetter schieben, lassen Sie mich Ihnen sagen, dass es oft die Kleinigkeiten, die belangslos erscheinenden Nebensächlichkeiten sind, die uns bei der Beurteilung einer Person von Anfang an die richtige Richtung weisen.

ER gehört zu der Art Kundschaft, bei denen ich vom ersten Augenblick an ein mulmiges Gefühl in der Magengegend habe. Kunden, bei denen ich froh bin, wenn ihr Besuch ohne Probleme verläuft und sie möglichst rasch wieder gehen. Gäste, bei denen ich hoffe, daß sie nie wieder auftauchen werden, weil mein Instinkt mir zur Vorsicht rät.
Trotzdem ist der Gast König und selbstverständlich weiss ich, was ich ihm schuldig bin.

Ich mixe seinen Drink und stelle ihm freundlich seinen Golden Cadillac auf die Theke. Er nimmt ihn und setzt sich an einen unbesetzten Tisch im hinteren Teil der Bar.
Dort, mit dem Rücken zur Wand, nippt er gedankenverloren an seinem Getränk, während er beim Trinken auf eine lächerlich gezierte Art den kleinen Finger der linken Hand abspreizt.
Draußen ist das erste, dumpfe Grollen des nahenden Gewitters zu hören, Blitze zucken am Himmel und kurz darauf geht ein prasselndes Unwetter auf die Stadt nieder.

ER sitzt an seinem Tisch und führt ein angeregtes Gespräch mit einem nicht existierenden Fremden. Er gestikuliert, erklärt dem Unsichtbaren wortreich seine Sicht der Dinge und sticht von Zeit zu Zeit belehrend mit dem Zeigefinger auf sein imaginäres Gegenüber ein. Dass der Laden voller Leute ist und (nicht nur) ich ihn beobachte, hat in seinem Paralleluniversum offensichtlich keine Bedeutung. Von Zeit zu Zeit starrt er ins Leere, neigt seinen Kopf, als lausche er den Worten eines Bekannten oder Freundes, bevor er zu einer heftigen Erwiderung ansetzt, die von ausladenden Gesten begleitet wird.
Eine Weile beobachte ich sein Treiben, obwohl mich beim Zusehen ein leises Grauen beschleicht.
Wie weit - frage ich mich beklommen - mag jemand sich bereits von der Realität verabschiedet haben, für den die Welt um ihn herum weniger bedeutsam ist als das Gespräch mit einem Gegenüber, das nicht existiert?
Der Himmel klart auf und das Gewitter ist vorüber.
Am hinteren Tisch hat ER seinen wütenden Disput beendet und hebt die Hand. Erleichtert stelle ich fest, dass er tatsächlich mich meint, um endlich zu zahlen und mein Lokal zu verlassen.

Für alle, die sich jetzt - wie ich - bei einem Drink von dieser merkwürdigen Begegnung erholen möchten, nun das Rezept für den köstlichen Golden Cadillac.


Golden Cadillac
Netter Cocktail mit Galliano und Créme de Cacao.

golden-cadillac

Zutaten
2 cl Sahne
4 cl Orangensaft
2 cl Creme de Cacao
1 cl Galliano

Anleitung
Im Shaker auf Eiswürfeln schütteln, in Cocktailschale abseihen.

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