LULUS ALBTRAUM

In meinem Leben scheint es ein festes Muster zu geben: Immer, wenn ich es am wenigsten erwarte, holt mich die Vergangenheit ein...
Einer der üblichen Arbeitstage in meinem Barleben hat begonnen und nach zwei Stunden am Tresen ist der (anfänglich meist etwas stockende) Kundenverkehr in Fluß gekommen. Es herrscht kein Hochbetrieb, aber ich habe kontinuierlich zu tun.
Einzig erwähnenswert wäre vielleicht, daß es draußen in Strömen regnet. Ein Gewitter tobt über der Stadt und treibt die unterschiedlichsten Gäste in mein Lokal.
Sie, verehrter Leser, mögen die Erwähnung von Uhrzeit, Regen oder Schauern als völlig nebensächlich für (m)eine Geschichte betrachten. Doch lassen Sie mich Ihnen sagen, daß nicht nur die Tageszeit oder die Zusammensetzung der Gäste, sonder auch das Wetter erheblichen Einfluß auf das hat, was in der Bar an Zwischenmenschlichem passiert.
Außerdem benötige ich das Grummeln in der Atmosphäre ebenso wie das Blitzen als dramaturgisches Moment - aber dazu kommen wir später...

Ich liebe Tage wie diese, wenn vom Gewitter überraschte Gäste - je nach Temprament und Befindlichkeit lachend oder schimpfend - an meinem Tresen für ein kurzes Intermezzo Schutz vor dem Unwetter suchen.
Sie mögen meine Darstellung vielleicht für übertrieben halten, aber ich versichere Ihnen: Es entspricht meiner langjährigen Erfahrung als Barfrau, dass schon ein Gewitter die Menschen zusammenbringt.
Während man gemeinsam auf das Ende des Regens wartet und das Schauspiel von Blitz und Donner in einem sicheren Unterschlupf bei einem guten Drink geniesst, entwickelt sich rasch eine entspannte und kurzweilige Atmosphäre.
Man rückt zusammen, lacht und flirtet für die Dauer eines Regenschauers, führt zwanglose Gespräche oder kontroverse Diskussionen über die neueste, politische Entwicklung...
Und mitten hinein in diese etwas anarchistische, lockere und angeregte Stimmung platzt völlig unvermittelt SIE...

Zwischen zwei Paukenschlägen und einem Lichterzucken am Himmel betritt SIE meine Bar - wobei "betritt meine Bar" eine völlig unzureichende Beschreibung ihres Auftritts vermittelt.
An dieser Stelle sollte ich eventuell ein Metapher oder ein Bild zur Hilfe nehmen: Stellen Sie sich einfach vor, eine schnittige Luxusjacht läuft unter den Blicken vieler (weniger betuchter) Bootsbesitzer in einen kleinen Hafen ein.
Die männlichen Gäste unterbrechen ihre Gespräche, um einen oder zwei Blicke auf das Luxusgeschöpf zu riskieren.
Während die anwesende Frauenwelt einhellig und umgehend beschließt, den Glanz dieser "Traumfrau" zu ignorieren und sie
als im höchsten Maße dekadent oder übertrieben gestylt zu betrachten.
Denn selbstverständlich fällt der Vergleich mit dieser perfekten Göttin für keine der anderen Frauen besonders schmeichelhaft aus.
Unhörbar seufzend registriere ich, wie die Stimmung in der Bar sich verändert - eine diffuse Befangenheit, der auch ich mich nicht entziehen kann, verscheucht die Zwanglosigkeit, die uns eben noch soviel Vergnügen bereitet hat.

Die Traumfrau hingegen scheint von diesem "Klimawechsel" nichts zu bemerken.
Anmutig erklimmt sie einen der Hocker am Tresen, wobei ihr kurzer, schwarzer Rock grosszügige Blicke auf ihre makellosen Beine gewährt. Sie bestellt einen Night in Blue bei mir und beginnt, mich auf eine Weise zu mustern, die mich einschüchtert und mir unangenehm ist.
Alles an ihr - von der Frisur, bei der jedes Strähnchen trotz des Wetters an der richtigen Stelle liegt, über die Kleidung bis hin zu Schuhen und Schmuck - wirkt edel und teuer. Und unwillkürlich beginne auch ich, mich zu vergleichen, obwohl ich weiss, daß es ebenso dumm wie unnötig ist.

Nachdem die Traumfrau mich mit ihren stahlblauen Röntgenaugen bis aufs Skelett durchleuchtet hat, richtet sie mit affektierter Stimme hoheitsvoll das Wort an mich: "Kann es sein, daß wir uns kennen?", fragt sie mich und lächelt ein weißes Haifischlächeln.
Ich kann gerade noch ein "Das glaube ich kaum!" unterdrücken. Denn das würde ihr nur allzu deutlich zeigen, dass ich mir nicht vorstellen kann, in der gleichen Gesellschaftsschicht wie sie zu verkehren.
Zwar zählen auch betuchte Kunden zu meinen Gästen, aber es sind wohl eher die Halbseidenen, die Sünder oder die begabten Verrückten, mit denen ich auch ausserhalb der Bar Umgang pflege.

"Nein, ich glaube nicht, daß wir uns kennen!", sage ich daher in abgemilderter Form. Und bin etwas ratlos, wie sie überhaupt auf eine solche Idee kommen kann.
Ihr Blick irritiert mich, denn er scheint (getreu dem alten Teekessel-Spiel, das wir als Kinder gespielt haben) zu sagen: "Ich sehe etwas, das Du nicht siehst und das ist..."
Ich krame und suche in meinem Gedächtnis nach Orten oder Begebenheiten, die mich mit der Traumfrau in Verbindung bringen könnten, aber meine Gehirnzellen lassen mich im Stich.
Die Traumfrau lächelt weiter ihr perlweißes Haifischlächeln und dann wirft sie ein einziges Wort über die Theke: "St. Joseph Kloster!"

Dieses Wort schlägt auf meiner Seite des Tresens ein wie eine Granate: Plötzlich bin ich wieder vierzehn, trage die gebrauchten Kleider meiner Kusine und bin die einsamste und unglücklichste Vierzehnjährige, die man sich in einer teuren, privaten Mädchenschule nur vorstellen kann. (Noch heute ist mir unbegreiflich, was meine Eltern bewogen hat, mich auf diese Schule zu schicken).
Wie dem auch sei - es gibt diese reiche, verwöhnte Arzttochter in meiner Klasse - ein boshaftes Gör, das immer aussieht wie aus dem Ei gepellt. Ein Mädchen, das der Liebling aller Nonnen ist und mich ständig auf die gemeinste und gnadenloseste Weise mit meiner Herkunft hänselt.
Ich spüre, wie das Blut in meinen Ohren rauscht, während ich in die kalten Augen der Traumfrau starre und es mir wie Schuppen von den Augen fällt.

Ich kann die alte Ohnmacht so deutlich wie vor 36 Jahren schmecken und halte mich paralysiert an meiner Theke fest, während die Traumfrau sich an meinem Entsetzen zu waiden scheint und etwas von einem Klassentreffen faselt. Und von den Schwierigkeiten, mich ausfindig zu machen nach all der Zeit.
Dann legen ihre manikürten Finger eine Einladung auf meine Tresen, auf der ein Schwarz-weiß-Foto unserer Klasse die Zeit meiner Demütigung auf Polaroid gebannt hat.
Ich habe keine Schwierigkeiten, mich unter den ernst blickenden Mädchen auf diesem Photo ausfindig zu machen: Ich bin die, die am abwesendsten und unglücklichsten schaut.

Breiten wir den Mantel des Schweigens über den Rest der Geschichte, die mich - das muss ich zu meiner Schande gestehen - in den Grundfesten meines (normaler Weise erheblich größeren) Gleichmutes erschüttert hat. Unnötig zu sagen, daß ich die Einladung zum Klassentreffen zerissen und in den Mülleimer geworfen habe, sofort nachdem die Traumfrau meine Bar verlassen hat.
Wie heisst es noch gleich in einem meiner Lieblingsfilme :"Wir haben vielleicht mit der Vergangenheit abgeschlossen, aber die Vergangenheit nicht mit uns!"

Wollen Sie mit mir auf die Hoffnung zu trinken, daß keine weitere Heimsuchung in Form von Lehrern oder Mitschülerinnen in der Zukunft in meinem Lokal auftauchen wird?
Lassen Sie uns mit einem Night in Blue auf diesen innigsten meiner Wünsche anstoßen!
Auf Ihr Wohl - und auf meines!

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