Büro Büro
BÜRO, BÜRO
Vielleicht habe ich gestern zu viele Sekretärinnen nach Büroschluß bedienen müssen. Vielleicht gibt es aber auch Zeiten in meinem Leben, in denen ich mich nachdenklicher und intensiver mit meiner Vergangenheit beschäftigen "muss".
Vielleicht denken Sie, liebe Leser: Schon wieder Geständnisse von der Barfrau - muss das denn sein?
Doch vielleicht sind Sie auch mitfühlend und bereit, mir (zumindest ein Stück weit) in eine Parallelwelt zu folgen, in der ich selbst einmal Sekretärin und ausserdem jeden Tag unglücklich war.
Es hat eine Zeit in meinem Leben gegeben, in der ich mich - durch eine Verkettung von Umständen und Ereignissen, auf die ich (wenn Sie erlauben) hier nicht näher eingehen will, sehr allein (und ohne jedes finanzielle Polster im Hintergrund) einfach nur durch mein Leben schlug.
Ich nahm jeden Job an, den ich bekommen konnte und war beispielsweise eine Zeitlang nicht nur Schuh- und Teeverkäuferin, Marktfrau oder Putzfee sondern auch Kindermädchen oder sammelte Spendengelder.
Allerdings währten meine Anstellungen nie lange - spätestens nach einigen Monaten passierte irgendeine Kleinigkeit, die das Faß zum Überlaufen und mich dazu brachte, die Arbeit hinzuwerfen...
Schließlich dachte ich daran, mich bei einer Leiharbeiterfirma zu verdingen, die Bürokräfte und Sekretärinnen für Firmen stellte, weil ich annahm, dass Büroarbeit nicht nur den Ausweg aus meiner finanziellen Misere bieten könnte, sondern dass die häufig wechselnden Tätigkeiten gleichzeitig meiner unruhigen Natur entgegegenkämen.
Mein Wunsch ging auch prompt in Erfüllung: Ich wurde - da ich gute Kenntnisse in Orthographie und eine ausreichende Anzahl an Anschlägen vorweisen konnte - von einer dieser Sklaventreiberfirmen eingestellt. Seither bin ich beim Wünschen vorsichtiger geworden...
Von nun an saß ich jeden Morgen zwischen sechs und sieben Uhr hundemüde in der Straßenbahn. Und ratterte in der Dunkelheit eines naßkalten Winters einem meiner ständig wechselnden Arbeitsplätze entgegen. Kreuz und quer durch die Stadt, in der schweißnassen Hand meinen Einsatzplan. Immer in Sorge, ich könnte die richtige Station zum Aussteigen verpassen.
Von der linken auf die rechte Flußseite und wieder zurück.
Ich bekam alle möglichen und unmöglichen Stadtteile zu sehen und konnte mich kaum mehr erinnern, in welchem der Viertel ich zuletzt gearbeitet hatte.
Wie lange war es her, seit ich meinen Arbeitsvertrag bei einer Firma mit dem bezeichnenden Namen "Baal" unterschrieben hatte? Mir kam es vor wie eine halbe Ewigkeit.
Die ständig wechselnden Menschen und Arbeitsbereiche zerrten bald an meinen Nerven: Eben noch war ich Telefonistin und musste mir in Windeseile an die tausend Knöpfe einer Telefonanlage merken. In der Woche zuvor hatte ich mich mit Speditionsrechnungen, Gutschriften und Schecks herumgeschlagen. Im vergangenen Monat mußte ich ellenlange Gutachten für eine Versicherung schreiben.
Und am Abend - bei Gesprächen mit meinem Liebsten - bekam ich die einfachsten Worte nicht mehr heraus.
Ganz allmählich gelangte ich zu der Überzeugung, daß ein Übermaß an stupider Arbeit mich auf Dauer verblödete.
Und bereits der erste Einsatz, zu dem ich beordert wurde, zwang mich, der unumstößlichen Tatsache ins Gesicht sehen, daß ich in der Reihe der Befehlsempfänger so ziemlich das letzte Glied in der Kette war. Meine Funktionen waren die eines Laufburschen, Müllschluckers, Blitzableiters und Sklaven. Da mochte die Willkommensfreundlichkeit der Bürogemeinschaft gegenüber der Neuen dieses Faktum anfänglich noch so gnädig verschleiern – der erste Arbeitsengpaß brachte die Wahrheit um so brutaler ans Licht.
Ich hatte mir im Laufe der Zeit in Second-Hand-Läden zahlreiche Sekretärinnen- Verkleidungen zugelegt. Um zumindest äußerlich der Norm einer Büroangestellten zu entsprechen.
Dennoch schien - von der Chefsekretärin bis hin zur Klofrau – jede Mitarbeiterin einer Firma instinktiv zu wissen, daß ich nicht war, die ich vorgab zu sein. Fast so, als würde ich einen fremdartigen oder üblen Geruch verströmen, der dem Rudel signalisierte, daß es angebracht war, hier äußerste Vorsicht walten zu lassen. Angesichts dieses unberechenbaren, fremden Tieres.
Selbst wenn Keine den endgültigen und schlüssigen Beweis erbringen konnte, argwöhnten sie doch, dass ich nicht Frau Biedermann sondern in Wirklichkeit eine Brandstifterin war.
Womit sie, was die Einschätzung meiner inneren Befindlichkeit anging, durchaus richtig lagen.
Nichts auf der Welt hätte mir eine größere Freude bereitet, als die Berge von Akten anzuzünden, durch die ich mich tagtäglich völlig frustriert aber tapfer quälte.
Und es war mein innigster Wunsch, lässig eine Zigarette zu rauchen, während eines dieser Büros in Flammen stand.
Es vergingen drei Jahre, ehe sich am Horizont ein Silberstreif zeigte - wenn auch verbunden mit einem tragischen Verlust: Meine Mutter starb und hinterließ mir eine große Summe Geldes, die es mir ermöglichte, von jetzt auf gleich zu kündigen.
Das Ende der Geschichte, liebe Leser, kennen Sie ereits.
Aus mir wurde Lulu, die Barfrau - die ihre jetzige Arbeit liebt und die hofft, dass Sie ihr diese Exkursion in ein früheres Leben nicht übelnehmen, an dass mich die Sekretärinnen nach Dienstschluß erinnerten.
Auf Ihr Wohl und auf meines - Cheers!
Vielleicht habe ich gestern zu viele Sekretärinnen nach Büroschluß bedienen müssen. Vielleicht gibt es aber auch Zeiten in meinem Leben, in denen ich mich nachdenklicher und intensiver mit meiner Vergangenheit beschäftigen "muss".
Vielleicht denken Sie, liebe Leser: Schon wieder Geständnisse von der Barfrau - muss das denn sein?
Doch vielleicht sind Sie auch mitfühlend und bereit, mir (zumindest ein Stück weit) in eine Parallelwelt zu folgen, in der ich selbst einmal Sekretärin und ausserdem jeden Tag unglücklich war.
Es hat eine Zeit in meinem Leben gegeben, in der ich mich - durch eine Verkettung von Umständen und Ereignissen, auf die ich (wenn Sie erlauben) hier nicht näher eingehen will, sehr allein (und ohne jedes finanzielle Polster im Hintergrund) einfach nur durch mein Leben schlug.
Ich nahm jeden Job an, den ich bekommen konnte und war beispielsweise eine Zeitlang nicht nur Schuh- und Teeverkäuferin, Marktfrau oder Putzfee sondern auch Kindermädchen oder sammelte Spendengelder.
Allerdings währten meine Anstellungen nie lange - spätestens nach einigen Monaten passierte irgendeine Kleinigkeit, die das Faß zum Überlaufen und mich dazu brachte, die Arbeit hinzuwerfen...
Schließlich dachte ich daran, mich bei einer Leiharbeiterfirma zu verdingen, die Bürokräfte und Sekretärinnen für Firmen stellte, weil ich annahm, dass Büroarbeit nicht nur den Ausweg aus meiner finanziellen Misere bieten könnte, sondern dass die häufig wechselnden Tätigkeiten gleichzeitig meiner unruhigen Natur entgegegenkämen.
Mein Wunsch ging auch prompt in Erfüllung: Ich wurde - da ich gute Kenntnisse in Orthographie und eine ausreichende Anzahl an Anschlägen vorweisen konnte - von einer dieser Sklaventreiberfirmen eingestellt. Seither bin ich beim Wünschen vorsichtiger geworden...
Von nun an saß ich jeden Morgen zwischen sechs und sieben Uhr hundemüde in der Straßenbahn. Und ratterte in der Dunkelheit eines naßkalten Winters einem meiner ständig wechselnden Arbeitsplätze entgegen. Kreuz und quer durch die Stadt, in der schweißnassen Hand meinen Einsatzplan. Immer in Sorge, ich könnte die richtige Station zum Aussteigen verpassen.
Von der linken auf die rechte Flußseite und wieder zurück.
Ich bekam alle möglichen und unmöglichen Stadtteile zu sehen und konnte mich kaum mehr erinnern, in welchem der Viertel ich zuletzt gearbeitet hatte.
Wie lange war es her, seit ich meinen Arbeitsvertrag bei einer Firma mit dem bezeichnenden Namen "Baal" unterschrieben hatte? Mir kam es vor wie eine halbe Ewigkeit.
Die ständig wechselnden Menschen und Arbeitsbereiche zerrten bald an meinen Nerven: Eben noch war ich Telefonistin und musste mir in Windeseile an die tausend Knöpfe einer Telefonanlage merken. In der Woche zuvor hatte ich mich mit Speditionsrechnungen, Gutschriften und Schecks herumgeschlagen. Im vergangenen Monat mußte ich ellenlange Gutachten für eine Versicherung schreiben.
Und am Abend - bei Gesprächen mit meinem Liebsten - bekam ich die einfachsten Worte nicht mehr heraus.
Ganz allmählich gelangte ich zu der Überzeugung, daß ein Übermaß an stupider Arbeit mich auf Dauer verblödete.
Und bereits der erste Einsatz, zu dem ich beordert wurde, zwang mich, der unumstößlichen Tatsache ins Gesicht sehen, daß ich in der Reihe der Befehlsempfänger so ziemlich das letzte Glied in der Kette war. Meine Funktionen waren die eines Laufburschen, Müllschluckers, Blitzableiters und Sklaven. Da mochte die Willkommensfreundlichkeit der Bürogemeinschaft gegenüber der Neuen dieses Faktum anfänglich noch so gnädig verschleiern – der erste Arbeitsengpaß brachte die Wahrheit um so brutaler ans Licht.
Ich hatte mir im Laufe der Zeit in Second-Hand-Läden zahlreiche Sekretärinnen- Verkleidungen zugelegt. Um zumindest äußerlich der Norm einer Büroangestellten zu entsprechen.
Dennoch schien - von der Chefsekretärin bis hin zur Klofrau – jede Mitarbeiterin einer Firma instinktiv zu wissen, daß ich nicht war, die ich vorgab zu sein. Fast so, als würde ich einen fremdartigen oder üblen Geruch verströmen, der dem Rudel signalisierte, daß es angebracht war, hier äußerste Vorsicht walten zu lassen. Angesichts dieses unberechenbaren, fremden Tieres.
Selbst wenn Keine den endgültigen und schlüssigen Beweis erbringen konnte, argwöhnten sie doch, dass ich nicht Frau Biedermann sondern in Wirklichkeit eine Brandstifterin war.
Womit sie, was die Einschätzung meiner inneren Befindlichkeit anging, durchaus richtig lagen.
Nichts auf der Welt hätte mir eine größere Freude bereitet, als die Berge von Akten anzuzünden, durch die ich mich tagtäglich völlig frustriert aber tapfer quälte.
Und es war mein innigster Wunsch, lässig eine Zigarette zu rauchen, während eines dieser Büros in Flammen stand.
Es vergingen drei Jahre, ehe sich am Horizont ein Silberstreif zeigte - wenn auch verbunden mit einem tragischen Verlust: Meine Mutter starb und hinterließ mir eine große Summe Geldes, die es mir ermöglichte, von jetzt auf gleich zu kündigen.
Das Ende der Geschichte, liebe Leser, kennen Sie ereits.
Aus mir wurde Lulu, die Barfrau - die ihre jetzige Arbeit liebt und die hofft, dass Sie ihr diese Exkursion in ein früheres Leben nicht übelnehmen, an dass mich die Sekretärinnen nach Dienstschluß erinnerten.
Auf Ihr Wohl und auf meines - Cheers!
blogbart - 24. Dez, 02:16