DIE TÄGLICHEN LEIDEN DES HERRN M.
Während die Barfrau Ihres Vertrauens sich um die Gestaltung dieses faszinierenden Beitrages kümmert, probieren Sie, verehrter Leser, vielleicht in der Zwischenzeit den leckeren Cocktail, um sich so die Wartezeit auf angenehme Weise zu verkürzen. Aber da das Fertigstellen der Geschichte diesmal länger zu dauern scheint, als ich annahm und sie vor Donnerstag wohl nicht zu lesen ist, braucht es wahrscheinlich mehr als einen Vanilla Sky, um das ebenso freundliche wie geduldige Publikum bei Laune zu halten!
Deshalb will ich ausnahmsweise spendabel sein und für alle Wartenden eine Lokalrunde geben!
Here we go again:
Jedesmal, wenn ich Herrn Mausbach sehe, muss ich an Molières eingebildeten Kranken denken, aber zu meinem großen Leidwesen empfinde ich die Geschichte meines Barbesuchers nicht einmal annähernd so kurzweilig oder amüsant.
Und da ich selbst noch nicht das Alter erreicht habe, in dem mir Gespräche über Stuhlgang und Darmspiegelungen, Herzrasen und Elektrokardiogramme wirklich Freude machen, bin ich, sobald Herr Mausbach auftaucht, (was er so regelmäßig tut, daß ich vermute, er schiebt seinen Barbesuch zwischen zwei Arztbesuchen ein) - jedes Mal aufs Neue ebenso ratlos wie auf eine morbide Weise fasziniert.
Ganz zu Anfang schockierte mich der junge, kräftige und durchaus ansehnliche Herr Mausbach, als er an der Theke die Vermutung äußerte, er wäre an einem geheimnisvollen - auf alle Fälle aber tödlichen - Virus erkrankt. Ich verbrachte viel Zeit damit, Herrn Mausbach Mut und Trost zuzusprechen und dachte mir nichts dabei, die verschiedenen Möglichkeiten einer Behandlung mit ihm durchzusprechen.
Was - von meinem jetzigen Standpunkt aus gesehen - doch mitunter bohrende Zweifel an meinem gesunden Menschenverstand zu der damaligen Zeit in mir aufkommen läßt.
Die erste Skepsis regte sich in mir, als Herr Mausbach einige Monate später mutmaßte, er sei eventuell an Krebs erkrankt.
Es war keine Rede mehr von dem geheimnisvollen Virus, der auf ebenso mysteriöse wie wundersame Weise aus seinem Körper verschwunden war. Herr Mausbach schien erfüllt von neuen Ängsten, Zweifeln und Kümmernissen und stürzte sich (für meinen Geschmack ein wenig zu enthusiastisch) auf seine neuen Symptome. Und ich? Ich bemühte mich zwar immer noch um Mitgefühl und Anteilnahme gegenüber Herrn Mausbach, spürte aber selbst die kühle Distanz, mit der ich ihn zu betrachten begann.
Heute sitzt Herr Mausbach mit Leichenbittermiene an meinem Tresen und redet ebenso atemlos wie übertrieben über seine neuesten, körperlichen Probleme.
Er zählt mir - während er Pillendosen, Tuben, Fläschchen und Tinkturen auf meiner Theke aufreiht, um die Schwere seiner neuesten Erkrankung zu untermauern - akribisch all seine Symptome bis ins kleinste auf.
Und selbst, als längst klar ist, dass er ausnahmsweise wirklich einmal an einer "Krankheit" leidet (an etwas so Lapidarem wie einem Schnupfen nämlich), kennt Herr Mausbach doch sämtliche Ärzte mit Adresse und Sprechstundenzeiten, die er zu diesem Thema noch konsultieren will. (Ich brauche wahrscheinlich nicht zu betonen, dass Herr Mausbach ohnehin mehrmals wöchentlich seinen Hausarzt sieht).
Darüber hinaus liest Herr Mausbach gewissenhaft alle medizinischen Fachbücher, derer er habhaft werden kann, weil er ständig nach Antworten auf die nie endenden Fragen zu seinem Körper und dessen Symptomen sucht.
Selbst das Knarren seiner Gelenke wird bei ihm zum Gegenstand intensiver Selbstbeobachtung - auch (oder gerade weil?) eine Reihe von Ärzten - speziell sein Orthopäde - das Symptom für harmlos erklärt hat.
Von einem befreundeten Psychiater ließ ich mich darüber aufklären, dass Menschen wie Herr Mausbach subjektiv tatsächlich leiden, weshalb man den Begriff Hypochonder nicht beleidigend oder mitleidig verwenden soll. Medizinstatistiker haben ermittelt, dass 5-10% der Patienten in einer Hausarztpraxis unter einer extremen Selbstbeobachtung leiden. Und überdies erscheint es wie eine Sucht: Je mehr Antworten diese Menschen erhalten, desto mehr Ängste und Fragen tun sich in ihnen auf.
Der Begriff Hypochonder, ließ ich mir sagen, kann allerdings sehr leicht zur Falle werden. Denn je mehr der hypochondrische Mensch als Kranker anerkannt wird, desto mehr steigert er sich möglicher Weise in seine Krankheiten hinein und umso weniger kann er sich von seiner Selbstbeobachtung lösen.
Bleibt nur zu hoffen, dass Herr Mausbach - vielleicht durch Zufall - an einen Arzt gerät, der in der Lage ist, ihn von seiner Gesundheit zu überzeugen und der ihm dabei hilft, das Grundvertrauen in den eigenen Körper zurückzugewinnen.
Alles, was wir Anderen bis dahin tun können: Trinken wir auf Herrn Mausbachs Wohl!
Deshalb will ich ausnahmsweise spendabel sein und für alle Wartenden eine Lokalrunde geben!
Here we go again:
Jedesmal, wenn ich Herrn Mausbach sehe, muss ich an Molières eingebildeten Kranken denken, aber zu meinem großen Leidwesen empfinde ich die Geschichte meines Barbesuchers nicht einmal annähernd so kurzweilig oder amüsant.
Und da ich selbst noch nicht das Alter erreicht habe, in dem mir Gespräche über Stuhlgang und Darmspiegelungen, Herzrasen und Elektrokardiogramme wirklich Freude machen, bin ich, sobald Herr Mausbach auftaucht, (was er so regelmäßig tut, daß ich vermute, er schiebt seinen Barbesuch zwischen zwei Arztbesuchen ein) - jedes Mal aufs Neue ebenso ratlos wie auf eine morbide Weise fasziniert.
Ganz zu Anfang schockierte mich der junge, kräftige und durchaus ansehnliche Herr Mausbach, als er an der Theke die Vermutung äußerte, er wäre an einem geheimnisvollen - auf alle Fälle aber tödlichen - Virus erkrankt. Ich verbrachte viel Zeit damit, Herrn Mausbach Mut und Trost zuzusprechen und dachte mir nichts dabei, die verschiedenen Möglichkeiten einer Behandlung mit ihm durchzusprechen.
Was - von meinem jetzigen Standpunkt aus gesehen - doch mitunter bohrende Zweifel an meinem gesunden Menschenverstand zu der damaligen Zeit in mir aufkommen läßt.
Die erste Skepsis regte sich in mir, als Herr Mausbach einige Monate später mutmaßte, er sei eventuell an Krebs erkrankt.
Es war keine Rede mehr von dem geheimnisvollen Virus, der auf ebenso mysteriöse wie wundersame Weise aus seinem Körper verschwunden war. Herr Mausbach schien erfüllt von neuen Ängsten, Zweifeln und Kümmernissen und stürzte sich (für meinen Geschmack ein wenig zu enthusiastisch) auf seine neuen Symptome. Und ich? Ich bemühte mich zwar immer noch um Mitgefühl und Anteilnahme gegenüber Herrn Mausbach, spürte aber selbst die kühle Distanz, mit der ich ihn zu betrachten begann.
Heute sitzt Herr Mausbach mit Leichenbittermiene an meinem Tresen und redet ebenso atemlos wie übertrieben über seine neuesten, körperlichen Probleme.
Er zählt mir - während er Pillendosen, Tuben, Fläschchen und Tinkturen auf meiner Theke aufreiht, um die Schwere seiner neuesten Erkrankung zu untermauern - akribisch all seine Symptome bis ins kleinste auf.
Und selbst, als längst klar ist, dass er ausnahmsweise wirklich einmal an einer "Krankheit" leidet (an etwas so Lapidarem wie einem Schnupfen nämlich), kennt Herr Mausbach doch sämtliche Ärzte mit Adresse und Sprechstundenzeiten, die er zu diesem Thema noch konsultieren will. (Ich brauche wahrscheinlich nicht zu betonen, dass Herr Mausbach ohnehin mehrmals wöchentlich seinen Hausarzt sieht).
Darüber hinaus liest Herr Mausbach gewissenhaft alle medizinischen Fachbücher, derer er habhaft werden kann, weil er ständig nach Antworten auf die nie endenden Fragen zu seinem Körper und dessen Symptomen sucht.
Selbst das Knarren seiner Gelenke wird bei ihm zum Gegenstand intensiver Selbstbeobachtung - auch (oder gerade weil?) eine Reihe von Ärzten - speziell sein Orthopäde - das Symptom für harmlos erklärt hat.
Von einem befreundeten Psychiater ließ ich mich darüber aufklären, dass Menschen wie Herr Mausbach subjektiv tatsächlich leiden, weshalb man den Begriff Hypochonder nicht beleidigend oder mitleidig verwenden soll. Medizinstatistiker haben ermittelt, dass 5-10% der Patienten in einer Hausarztpraxis unter einer extremen Selbstbeobachtung leiden. Und überdies erscheint es wie eine Sucht: Je mehr Antworten diese Menschen erhalten, desto mehr Ängste und Fragen tun sich in ihnen auf.
Der Begriff Hypochonder, ließ ich mir sagen, kann allerdings sehr leicht zur Falle werden. Denn je mehr der hypochondrische Mensch als Kranker anerkannt wird, desto mehr steigert er sich möglicher Weise in seine Krankheiten hinein und umso weniger kann er sich von seiner Selbstbeobachtung lösen.
Bleibt nur zu hoffen, dass Herr Mausbach - vielleicht durch Zufall - an einen Arzt gerät, der in der Lage ist, ihn von seiner Gesundheit zu überzeugen und der ihm dabei hilft, das Grundvertrauen in den eigenen Körper zurückzugewinnen.
Alles, was wir Anderen bis dahin tun können: Trinken wir auf Herrn Mausbachs Wohl!
blogbart - 24. Dez, 02:28